Fernsehturm Stuttgart, Neubau

Bauherr:
Süddeutscher Rundfunk, Stuttgart
Leistung:
  • Architektenleistung
Auszeichnungen:
Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland, 2009; Baudenkmal, 1986; Bonatz-Preis, 1956
Entwurf/Konstruktion: Fritz Leonhardt; Künstlerisch-Technische Oberbauleitung: Erwin Heinle
Der Stuttgarter Fernsehturm ist ein reiner Zweckbau: Seine Errichtung wurde veranlasst durch das Anfang der fünfziger Jahre aufkommende Medium Fernsehen und die Ansprüche der Fernsehtechnik. Es war der Stuttgarter Ingenieur Fritz Leonhardt, der 1953 die Idee hatte, den geplanten Fernsehturm auf dem Hohen Bosper nicht als Stahlgittermast, sondern aus Beton zu bauen. Er machte eine erste Skizze, wie er sich diesen Turm vorstellte, und fand damit Anklang beim Süddeutschen Rundfunk. In dem begleitenden Brief verweist er darauf, dass „der vorgeschlagene Sendeturm mit der Gaststätte in schwindelnder Höhe eine einmalige Attraktion für die Stadt Stuttgart würde.“

Die Ausbildung des Turmschaftes ist angelehnt an Formen der Natur, in der z. B. Gräser die Stengel als hohle, kreisrunde Röhren ausbilden. Entscheidend für die ästhetische Erscheinung des Stuttgarter Fernsehturms ist der parabelartige Anlauf des Schaftes. Die Verjüngung nach oben ist nicht mit dem Lineal gezogen, vielmehr weisen die Schaftwände eine leichte, kaum wahrnehmbare Schwingung auf, die dem Bauwerk Leichtigkeit und harmonisches Aussehen verleiht. Auch in einem anderen Detail lässt der Turmschaft Naturvorbilder erahnen: Die dünne Wandung ist alle zehn Meter durch Querrahmen ausgesteift, die mit den fünf Stahlbetonstützen für die Aufzugsschienen verbunden sind und von denen jeder zweite als Podest für die Nottreppe erweitert ist. Diese Rahmen finden sich auch bei vielen Bambus- und Schilfarten.

Der Turmkopf sollte in seiner Grundfläche möglichst groß sein, andererseits aber dem Wind möglichst wenig Angriffsfläche bieten und den Eindruck vermitteln, er schwebe auch dem Schaft. Dabei stand von vornherein fest, dass der Kopf im Grundriss kreisrund und außen glattflächig sein müsse, da die Kreiszylinderform den niedrigsten Windwiderstand ergibt. Aus ästhetischen Gründen wurde das oberste Geschoss zylindrisch belassen , die drei unteren Geschosse aber leicht kegelförmig abgeschrägt. Die Fassade des Turmkorbes besteht aus einer glatten, profillosen Aluminiumhaut, die in ihrem glänzenden und silbrigen Charakter dem Korb nicht nur die Schwere nimmt, sondern auch den Eindruck des Schwebens verstärkt und ganz bewusst mit dem stumpfen, je nach Wetter und Beleuchtung changierenden Grau des Schaftes kontrastiert.

Die krönende Antenne an der Spitze des Bauwerks ist ganz konventionell im Stahlfachwerk ausgeführt. Der filigrane Stahlbau hebt sich gegenüber dem Beton des Schaftes und der glänzenden Metallhaut des Korbes ab und macht deutlich, dass es sich um einen eigenständigen Bestandteil des Bauwerks handelt.

Der Stuttgarter Turm war der erste seiner Art und ist heute ein Wahrzeichen der Landeshauptstadt Stuttgart, ein Modell für viele andere Fernsehtürme in aller Welt, ein architekturhistorisches Bauwerk. Alle gestalterischen Merkmale und Vorzüge zusammen mit dem ausgewogenen Zusammenklang von Form, Funktion und Konstruktion machen aus dem Stuttgarter Fernsehturm eine gültige, klassische Ausformung dieses Architekturgenres. Auf ideale Weise scheint zuzutreffen, was Leonhardt anlässlich der Vollendung des Turmes äußerte: "Mit diesem Bauwerk ist es wohl gelungen, einmal wieder zu zeigen, dass man technisch Notwendiges gleichzeitig auch schön gestalten kann, so dass es den Menschen zur Freude wird und ihnen auch unmittelbar dient."
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